Juan Evo Morales Ayma ist indigener Anführer der sozialistischen bolivianischen Partei Movimiento al Socialismo (MAS) und der Bewegung für die Rechte der Koka-Bauern. Seit dem 22. Januar 2006 ist er der Präsident Boliviens.
Um Morales Aufstieg zum Präsidenten zu verstehen, muss die Geschichte und Mythologie der Andenregion betrachtet werden. Morales hat das Präsidentenamt errungen, weil er den Anbau von Koka nicht allein wegen seines ökonomischen Wertes für die armen Bauern unterstützt, sondern auch wegen der kulturellen Bedeutung, die er seit jeher in der andinischen Welt hat. Archäologische Funde in Ecuador und Peru belegen, dass in den Kulturen Südamerikas der Gebrauch von Kokablättern schon vor viertausend Jahren bekannt war. Während der Inkazeit war Koka nicht nur ein wichtiges magisches Hilfsmittel, neben den gewebten Stoffen entwickelte es sich auch zum zweitstärksten Instrument im ökonomischen System des Tawantinsuyu (Inkareichs). Die Mythologie der Inkas war von der Vorstellung der Dualität geprägt: Der Mensch braucht in sich ein Anderes (chulla bzw. Koka), und er ist auf das Prinzip der gegenseitigen Hilfe angewiesen. Heutzutage ist die Bedeutung der Stoffe zurückgegangen, während Koka weiterhin eine starke mythologische Bedeutung bei den Andenvölkern hat.
 Als die indigene Bevölkerung entdeckte, dass die spanischen Eroberer nicht in friedlicher Absicht gekommen waren, gab es Rebellionen. Die Spanier brachten die Rebellionen in Zusammenhang mit dem Genuss von Koka und verboten deshalb den Gebrauch. Als sie dann allerdings feststellten, dass die Menschen nicht arbeiteten, wenn sie kein Koka kauen durften, und kein Silber aus dem Berg holten, wenn dieser nicht vorher seinen Anteil an Koka bekommen hatte, fingen sie an das Koka für ihre Zwecke zu nutzen. Sie bauten Koka in großem Stil an und benutzten es, um die Eingeborenen zur Arbeit anzuhalten. Sie dachten sogar, dass Koka als Ersatz für Nahrungsmittel funktioniere. Die Unabhängigkeit von Spanien hatte den Criollos (Nachkommen der spanischen Eroberer) neben der ökonomischen Macht die politische Macht gebracht. Sie bauten weiterhin Koka auf ihren Plantagen an. 1918 waren 30 % der wichtigsten Mitglieder der liberalen Partei Kokaproduzenten Die Bedeutung des Kokaanbaus zieht sich bis in die Gegenwart durch die Geschichte Boliviens. 1987 wies die Bilanz der Zentralbank einen ungeklärten Überschuss von 400 Millionen US-Dollar aus. Davon stammte ein Teil aus dem Export von Koka und der größere Teil aus den illegalen Einkünften durch den Handel mit Kokain. 1987 erwirtschaftete der illegale Kokainhandel einen Gewinn von etwa 1,3 Milliarden US-Dollar, davon blieben etwa 300 bis 600 Millionen in Bolivien.
 In diesem Zusammenhang muss das Gesetz 1008 gesehen werden, das ein Teil der Reformen von 1985 ist und den Anbau und Gebrauch von Koka illegalisiert. Diese Reformen lösten eine tiefe soziale und ökonomische Krise aus. Die Kokabauern berufen sich auf ihr kulturelles Recht, das den Anbau und den Genuss von Koka erlaubt. Bei konsequenter Anwendung des Gesetzes müssten etwa zwei Millionen Einwohner ins Gefängnis gesperrt werden. Die Verabschiedung des Gesetzes 1008 wurde von der Regierung der USA forciert. Die Zahl von 25 Millionen Kokainabhängigen in den Vereinigten Staaten soll dadurch gesenkt werden, dass die US-Regierung versucht, in den Koka produzierenden Ländern drakonische Strafmassnahmen gegen den Kokaanbau durchzusetzen. Da das Gesetz 1008 schon auf das Kokablatt abzielt, wird die Paste, die zur Produktion von Kokain benötigt wird, bereits im Amazonasgebiet und auf der Hochebene Boliviens hergestellt, weil sie einfacher zu schmuggeln ist als die Kokablätter. Diese Verlagerung der Produktion führt zu erheblichen Umweltproblemen. Diese repressive Politik hat dazu geführt, dass die bolivianischen Gefängnisse inzwischen zu 80 % mit Tausenden von Landwirten aus Chapare, Kokainkonsumenten und kleinen Händlern gefüllt sind. Die großen Händler wurden mit Ausnahme von Roberto Suárez und General Garcia Meza an die USA ausgeliefert, wo sie in Motels ihre "Strafen absitzen".
Auch wenn die Substitution von Koka durch andere landwirtschaftliche Produkte vereinzelt erfolgreich war, ist doch der größte Teil völlig nutzlos verpufft. Deshalb fordern die Kokabauern, dass nach Vermarktungsmöglichkeiten für das Koka gesucht werden solle. China und Europa wären ein großer Markt für Kokatee, man könnte einen Kaugummi herstellen, der gegen Schwindelgefühl hilft (die NASA hat bereits Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt), Koka ist auch ein gutes Mittel gegen Diabetes, wegen des hohen Chlorophyllgehaltes eignet es sich als Grundlage für Zahnpasta etc. Finanziert werden könnte der Aufbau einer Kokaindustrie durch die Einnahmen aus dem Erdgasverkauf. Voraussetzung dafür ist allerdings die Legalisierung des Rohstoffes. Das Verbot von Koka hemmt die Entwicklung pharmazeutischer und medizinischer Produkte, die aus den 14 Alkaloiden des Kokablattes gewonnen werden könnten. In den Augen seiner Anhänger ist der Aufstieg von Evo Morales in das Präsidentenamt nur mit Hilfe von Mama-Koka (der heiligen Kokapflanze) gelungen. Sie erwarten nun eine Politik, die dem traditionellen Weltbild entsprechend die gegensätzliche Positionen in der Gesellschaft zu einer Einheit verbindet.
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