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El Rojito war eine schwere Geburt.
El Rojito war eine schwere Geburt. Wir wurden erst mal Opfer
unserer eigenen Selbstüberschätzung. Nach wirren Vorplanungen, chaotischen
Diskussionen von Menschen, die von Kaffee ungefähr so viel wussten, wie
Eichhörnchen von Angela Merkel, war das schnelle Ende schon beinahe
vorprogrammiert. Die ersten Kaffeelieferungen kamen per Bahn in Hamburg an,
mussten dort in klapprige Autos und Fahrräder verladen werden, um dann in einem
leer stehenden Haus deponiert und guten Teils leider verlustig zu gehen. Denn
über Lagerlisten verfügten wir damals natürlich nicht. Auch über keine
Buchhaltung. Das war der erste sehr bittere Lernschritt: nach 1 Woche fehlten
schon 50 kg Kaffee, nach 2 Monaten hatten wir einige tausend DM Verlust
gemacht. Wir mussten uns ernsthaft jemand für die Buchführung organisieren.
Der 2. nicht minder harte Schlag kam dann allerdings von
ganz anderer Seite. Aus dem Land der Revolutionsträume nämlich. An der Spitze
der nicaraguanischen Kaffeeexportgesellschaft saßen nämlich Leute, die guten
Kaffee lieber an die Großkonzerne verkauften als an Solidaritätsgruppen, die
mit schlechtem sprich altem Kaffee vorlieb nehmen sollten. Seitdem hatte die
Sandino Dröhnung ihren Ruf weg und wir wussten, was das Wort Stinkebohnen
bedeutet. Wir malen euch unsere damaligen Gesichter lieber nicht aus. Die unserer
KundInnen ebenso wenig. Die Konsequenz waren wieder satte Minusgeschäfte, aber
auch die Gewissheit, dass wir unseren KundInnen wirklich etwas zumuten und uns
auf sie verlassen konnten.
Den 3.Schlag verpassten wir uns wieder selbst: Es handelte
sich hier um echte Arbeit und gleichzeitig wurden wir immer weniger. Die
Selbstausbeutung war zu viel des Guten. Immerhin belieferten wir so nebenher
ca.24 Läden, diverse WG`s, Food-Coops, Privatleute, verkauften 1x die Woche ab
Lager, verschickten darüber hinaus mit der Post, machten Veranstaltungen und
Infostände. Besser gesagt: das hatten wir alles auf dem Zettel. Das Problem
bestand kurz gesagt nicht darin, den Kaffee loszuwerden, sondern ihn per
Rechnung loszuwerden und säumige Zahler zur Kasse zu bitten. Das Buchhaltungsproblem
mal wieder. Wer bitteschön macht gerne freiwillig unbezahlt Buchhaltung?
Aber ein Gutes hatte der nicht enden wollende Lernprozess
mit Zahlen, Listen, Salden, Kaffeesorten, Weichvakuum, milde Röstung,
Etiketten, Infos etc.: wir lernten. Zwar mühsam, aber Schritt für Schritt
wurden wir professioneller und selbstbewusster.
Der 4.Schlag: das Hamburger Finanzamt. Wir arbeiteten zu
jener Zeit als gemeinnütziger Verein und handelten gleichzeitig mit Waren, die
einen Solidaritätsaufschlag für Projekte enthielten. Für die Jahre 1988 bis 1990
wollten die Steuereintreiber ganze 16.000 DM mit der Begründung, die Spenden
wären verdeckte Gewinne. Super Geschichte. Wieder drohte das Damoklesschwert
über unseren Köpfen. Wir kündigten unverhohlen Rabatz an, mit der Gewissheit,
eine Menge Leute hinter uns zu haben. Das war das Gute dieser Zeit. Unsere Wut
teilten wirklich viele. Schließlich lud uns der Hamburger Finanzminister
höchstpersönlich zum Gespräch. Danach hatten wir Ruhe.
Wir kannten viele Menschen und wurden auch durch die
Mitarbeit und Teilnahme an politischen Aktivitäten bekannter. Zuerst in den
verschiedenen Mittel- und Lateinamerikagruppen, in der bunten linken Szene
Hamburgs, aber zunehmend auch in kirchlichen Kreisen, die Trikontpolitik machten.
Die Mitorganisierung von Brigaden nach Nicaragua in die Kaffeeprojekte, die
Unterstützung verschiedener Befreiungsbewegungen wie der guatemaltekischen
URNG und der salvadorianischen FMLN, die Vernetzung mit dem Informationsbüro
Nicaragua, die brandaktuelle Berichterstattung über die Großoffensive in El
Salvador 1989 mit Hilfe des damals neuen Datentransfers via PC, die
Durchführung von größeren Demonstrationen machten uns schnell auch bundesweit
einen Namen als Solidaritätsgruppe.
Wir suchten eigene Räume. Die Buchhaltung wurde bezahlt.
Letzte Schritte vor der wirklichen Stabilisierung und weg von den Nachwehen
einer Schwerstgeburt. Mit freundlicher Genehmigung von Detlef Surrey; Illustration und Animation; 
Die Große Brunnenstraße wurde renoviert und bezogen. Alles
ging seinen sozialistischen Gang. Wir luden zu einer Vorab-Einweihungsparty am
Wahltermin vom 25.2.1990 in Nicaragua. Es herrschte gute Stimmung, der Laden
war voll mit Leuten.
Der Rest ist Makulatur. Was an diesem Abend mit zu Bruch
ging, war unsere Solidaritätsbrille, die falsche Dioptrien besaß, eine
verzerrte Wahrnehmung produzierte, die die Wirklichkeit an unseren Träumen maß
und nicht die Träume an der Wirklichkeit. Es war ein harter 5.Schlag. Er traf
fest in die Magenkuhle.
Es war nicht der letzte Schlag, viele weitere folgten. Und trotzdem:
Wenn ich nur an die vielen Menschen denke, die durch die Gruppe El Rojito
gewandert sind und einen Teil ihres Lebens dafür investierten und geholfen
haben, diese Gebilde aufrechten Ganges lauffähig zu machen, so kann ich sagen:
es war eine interessante, schöne, lustige und lehrreiche Zeit. |