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Kaffee aus alternativem Handel
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Erste Schritte (1987-1990) Drucken
El Rojito war eine schwere Geburt.

El Rojito war eine schwere Geburt. Wir wurden erst mal Opfer unserer eigenen Selbstüberschätzung. Nach wirren Vorplanungen, chaotischen Diskussionen von Menschen, die von Kaffee ungefähr so viel wussten, wie Eichhörnchen von Angela Merkel, war das schnelle Ende schon beinahe vorprogrammiert. Die ersten Kaffeelieferungen kamen per Bahn in Hamburg an, mussten dort in klapprige Autos und Fahrräder verladen werden, um dann in einem leer stehenden Haus deponiert und guten Teils leider verlustig zu gehen. Denn über Lagerlisten verfügten wir damals natürlich nicht. Auch über keine Buchhaltung. Das war der erste sehr bittere Lernschritt: nach 1 Woche fehlten schon 50 kg Kaffee, nach 2 Monaten hatten wir einige tausend DM Verlust gemacht. Wir mussten uns ernsthaft jemand für die Buchführung organisieren.

ImageDer 2. nicht minder harte Schlag kam dann allerdings von ganz anderer Seite. Aus dem Land der Revolutionsträume nämlich. An der Spitze der nicaraguanischen Kaffeeexportgesellschaft saßen nämlich Leute, die guten Kaffee lieber an die Großkonzerne verkauften als an Solidaritätsgruppen, die mit schlechtem sprich altem Kaffee vorlieb nehmen sollten. Seitdem hatte die Sandino Dröhnung ihren Ruf weg und wir wussten, was das Wort Stinkebohnen bedeutet. Wir malen euch unsere damaligen Gesichter lieber nicht aus. Die unserer KundInnen ebenso wenig. Die Konsequenz waren wieder satte Minusgeschäfte, aber auch die Gewissheit, dass wir unseren KundInnen wirklich etwas zumuten und uns auf sie verlassen konnten.

Den 3.Schlag verpassten wir uns wieder selbst: Es handelte sich hier um echte Arbeit und gleichzeitig wurden wir immer weniger. Die Selbstausbeutung war zu viel des Guten. Immerhin belieferten wir so nebenher ca.24 Läden, diverse WG`s, Food-Coops, Privatleute, verkauften 1x die Woche ab Lager, verschickten darüber hinaus mit der Post, machten Veranstaltungen und Infostände. Besser gesagt: das hatten wir alles auf dem Zettel. Das Problem bestand kurz gesagt nicht darin, den Kaffee loszuwerden, sondern ihn per Rechnung loszuwerden und säumige Zahler zur Kasse zu bitten. Das Buchhaltungsproblem mal wieder. Wer bitteschön macht gerne freiwillig unbezahlt Buchhaltung?

Aber ein Gutes hatte der nicht enden wollende Lernprozess mit Zahlen, Listen, Salden, Kaffeesorten, Weichvakuum, milde Röstung, Etiketten, Infos etc.: wir lernten. Zwar mühsam, aber Schritt für Schritt wurden wir professioneller und selbstbewusster.

ImageDer 4.Schlag: das Hamburger Finanzamt. Wir arbeiteten zu jener Zeit als gemeinnütziger Verein und handelten gleichzeitig mit Waren, die einen Solidaritätsaufschlag für Projekte enthielten. Für die Jahre 1988 bis 1990 wollten die Steuereintreiber ganze 16.000 DM mit der Begründung, die Spenden wären verdeckte Gewinne. Super Geschichte. Wieder drohte das Damoklesschwert über unseren Köpfen. Wir kündigten unverhohlen Rabatz an, mit der Gewissheit, eine Menge Leute hinter uns zu haben. Das war das Gute dieser Zeit. Unsere Wut teilten wirklich viele. Schließlich lud uns der Hamburger Finanzminister höchstpersönlich zum Gespräch. Danach hatten wir Ruhe.

Wir kannten viele Menschen und wurden auch durch die Mitarbeit und Teilnahme an politischen Aktivitäten bekannter. Zuerst in den verschiedenen Mittel- und Lateinamerikagruppen, in der bunten linken Szene Hamburgs, aber zunehmend auch in kirchlichen Kreisen, die Trikontpolitik machten. Die Mitorganisierung von Brigaden nach Nicaragua in die Kaffeeprojekte, die Unterstützung verschiedener Befreiungs­bewe­gungen wie der guatemaltekischen URNG und der salvadorianischen FMLN, die Vernetzung mit dem Informationsbüro Nicaragua, die brandaktuelle Berichterstattung über die Großoffensive in El Salvador 1989 mit Hilfe des damals neuen Datentransfers via PC, die Durchführung von größeren Demonstrationen machten uns schnell auch bundesweit einen Namen als Solidaritätsgruppe.

Wir suchten eigene Räume. Die Buchhaltung wurde bezahlt. Letzte Schritte vor der wirklichen Stabilisierung und weg von den Nachwehen einer Schwerstgeburt.

Mit freundlicher Genehmigung von Detlef Surrey; Illustration und Animation;
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Die Große Brunnenstraße wurde renoviert und bezogen. Alles ging seinen sozialistischen Gang. Wir luden zu einer Vorab-Einweihungsparty am Wahltermin vom 25.2.1990 in Nicaragua. Es herrschte gute Stimmung, der Laden war voll mit Leuten.

Der Rest ist Makulatur. Was an diesem Abend mit zu Bruch ging, war unsere Solidaritätsbrille, die falsche Dioptrien besaß, eine verzerrte Wahrnehmung produzierte, die die Wirklichkeit an unseren Träumen maß und nicht die Träume an der Wirklichkeit. Es war ein harter 5.Schlag. Er traf fest in die Magenkuhle.

Es war nicht der letzte Schlag, viele weitere folgten. Und trotzdem: Wenn ich nur an die vielen Menschen denke, die durch die Gruppe El Rojito gewandert sind und einen Teil ihres Lebens dafür investierten und geholfen haben, diese Gebilde aufrechten Ganges lauffähig zu machen, so kann ich sagen: es war eine interessante, schöne, lustige und lehrreiche Zeit.