von strukturverändernden revolutionären Kräften zu den organisierten Kleinbauern
Der alternative Kaffeehandel von el rojito hat seine Wurzeln
nicht innerhalb der Bewegung der Dritte Welt Läden, sondern in der politischen
Parteinahme für die sandinistische Revolution. Unsere HandelspartnerInnen waren
somit zu Beginn auch nicht organisierte Kleinbauern und – bäuerinnen, sondern
„die Revolution“ bzw. die sandinistische Regierung. Die ökonomische
Unterstützung strukturbildender revolutionärer Kräfte im nationalen Rahmen
stand für uns auf der Tagesordnung und eben gerade nicht die Unterstützung von
organisierten ProduzentInnen auf lokaler Ebene, deren politische, ökonomische
und soziale Ausstrahlung auf den Rest der Gesellschaft notwendigerweise immer
begrenzt bleiben muss.
Unsere ursprüngliche Motivation überhaupt mit Kaffee zu
handeln bestand darin, einen (kleinen) Beitrag zum ökonomischen Überleben des
revolutionären Nicaragua leisten. Und ein zentraler Wirtschaftszweig des Landes
war (und ist) eben der Kaffeeanbau. Neben politischer Öffentlichkeitsarbeit,
die mit dem Kaffeeverkauf verknüpft war und dem Versuch, sich hier in
Deutschland mit einer internationalistischen Perspektive politisch
einzumischen, sollten eben auch ökonomische Ressourcen nach Nicaragua geschafft
werden. Das damalige Motto der Nicaragua-Solidaritätsbewegung „Nicaragua muss
überleben“ galt eben auch ökonomisch: durch den Ressourcentransfer von hier
nach dort in Form der Mehrpreiszahlung sollte der nicaraguanische Staatshaushalt,
in Anbetracht der vor allem US-amerikanischen Blockade-, Embargo- und
Interventionspolitik, entlastet und die Fortführung und Vertiefung der
revolutionären Errungenschaften, die der großen Bevölkerungsmehrheit zugute
kamen, unterstützt werden.
Zu Beginn unseres Handels stammte der Kaffe von ENCAFE, der
staatlichen Außenhandelsgesellschaft, die den von uns bezahlten Mehrpreis
abschöpfte und effektiv, so hofften wir zumindest, in das revolutionäre Projekt
schleuste. Einen direkten Kontakt zu den ProduzentInnen gab es damals nicht.
Nachdem das Infobüro Wuppertal das Projekt „Integrierte Regionalentwicklung La
Paz del Tuma“ begonnen hatte (Bau einer Kaffeeverarbeitungsanlage und sozialer
Infrastruktur für die ProduzentInnen im Norden Nicaraguas), floss unsere Mehrpreiszahlung
als Ko-finanzierung in die sozialen Investitionen.
Mit der Abwahl der SandinistInnen fielen die staatlichen
Partner für eine Zusammenarbeit weg. Wir wollten aber mit dem Mehrpreis weiter
strukturverändernde Kräfte, welche die Revolution „von unten“ weitertreiben
würden, unterstützen und sahen ein solches Potential in der
LandarbeiterInnengewerkschaft ATC. Sie organisierte die Überführung von
ehemaligen staatlichen Kaffeebetrieben in Genossenschaftsbetriebe. Ihr Ziel war
es, möglichst viele ehemalige Staatsbetriebe als Kooperativen legalisiert zu
bekommen, im Verband AGROCAFE zusammenzuschließen und sie nicht den
Alteigentümern zu überlassen, die aus Miami ihre Ansprüche geltend machten.
AGROCAFE wurde somit zum Haupthandelspartner und der Mehrpreis floss direkt und
nicht über dem „Umweg“ der organisierten Kooperativen in die übergeordnete
Struktur ATC.
Obwohl die ATC mit dieser Politik relativ erfolgreich war,
bildeten sich doch zentralistische und vermachtete Strukturen heraus, in der
einige Wenige das Sagen hatten und die zur Verfügung stehenden Ressourcen auch
in private Kanäle lenkten. Das war für uns dann der Grund auch mit anderen
Kooperativenverbänden Handel zu treiben und den Mehrpreis direkt den
ProduzentInnen zukommen zu lassen. Zu Beginn gab es hier allerdings immer noch
den Anspruch, der Mehrpreis müsse irgendwie strukturell wirken und es wurden
dementsprechend von den Kooperativen Verwendungsnachweise verlangt. Diesen
Paternalismus haben wir uns dann relativ schnell abgewöhnt. Der Mehrpreis ist
verdient, Rechenschaft über seine Verwendung muss darüber nicht abgelegt
werden.
Nach der Unterstützung „der Revolution“ und dann von
gesellschaftsverändernden „Bewegungen“ sind wir somit schließlich bei
organisierten ländlichen ProduzentInnen angekommen. Genau dort, wo wir uns als
„politische Händler“ zu Beginn unserer Aktivitäten eben gerade nicht sahen. Für
uns war ein wichtiger Aspekt, der unseren Handel besonders politisch machte und
ihn damit eben auch von anderen „Dritte-Welt-Händlern“ positiv abgrenzte die
Unterstützung von „strukturverändernden“ Kräften. Was wie genau darunter
verstanden, war uns wahrscheinlich selber nie so ganz klar, aber groß mussten
sie sein und wirkungsmächtig und irgendwie breitenwirksam und eben gerade nicht
klein und lokal und begrenzt.
Die Geschichte el rojitos ist somit auch eine Geschichte der
Verminderung von Ansprüche an andere und der eigenen Projektionen auf sie.
Heute treiben wir Handel mit organisierten ProduzentInnen, denen dadurch
ökonomische Spielräume entstehen. Ob sie diese zu verstärkten sozialen und
politischen Aktivitäten nutzen, müssen und sollen sie selber entscheiden.
Einige tun dies, andere nicht. Unsere Anforderungen an die Handelspartner sind,
dass es sich um Kooperativen mit demokratischen Strukturen handeln muss.
LohnarbeiterInnen, die in der Erntezeit unverzichtbar sind, sollten nach
Mindeststandards im Hinblick auf Lohn, Unterkunft, Verpflegung und
Gesundheitsversorgung angestellt werden. Dass demokratische Strukturen nicht
unbedingt eine demokratische Praxis nach sich ziehen, haben wir mittlerweile
auch gelernt. Die Welt ist in der Theorie eben immer schöner als in der Praxis.
Trotzdem haben wir die Unterstützung von explizit politisch
wirkenden Akteuren nicht ganz aufgegeben. Die mit unserem Kaffeeverkauf
einbehaltene Spende kommt, über das Informationsbüro Wuppertal, der
Organisation „La Cuculmeca“ zugute, die sich in Nicaragua gegen die
Privatisierung der öffentlichen Trinkwasserversorgung wendet. Dabei handelt es
sich nun nicht um das neue „revolutionäre Subjekt“, sondern um eine Stimme in
der politischen Öffentlichkeit.
Die Entwicklung el rojitos verlief ähnlich wie die unserer
Handelspartner: Von den großen strukturverändernden Zielen und Bewegungen der
80’er zu pragmatisch Handelnden in der heutigen Realität. Die Utopie einer
anderen Welt ist zwar nicht fallen gelassen worden, es meint aber auch keiner mehr,
sie mit Riesenschritten erreichen zu können.
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