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Vor ziemlich genau drei Jahren haben wir an dieser Stelle das erste Mal über die immer noch aktuelle Kaffeekrise berichtet. Die Situation hat sich, wenn schon nicht verbessert, so doch zumindest etwas verändert. Hatten wir 2001 nur über die Krise im Kaffeesektor berichtet, so hätten wir schon damals über eine veritable Wirtschaftskrise schreiben können.
Die beschriebenen Plastikzelt- und Hüttensiedlungen am Rande der Straßen aus den Kaffeeanbaugebieten in Richtung der Städte, waren schon im letzten Jahr verlassen, als eine Delegation der Mitka in Nicaragua war. Die Reste davon waren aber noch deutlich zu erkennen. LandarbeiterInnen, die nicht mehr bezahlt werden konnten und Kleinbauernfamilien, denen der Ertrag ihrer Parzellen nicht mehr zum Überleben ausreichte, haben den Kaffeeanbaugebieten den Rücken gekehrt. Inzwischen kennt Jede und Jeder in Nicaragua, mindestens eine Person, oft Freunde oder Familienangehörige, welche die Orte, oder gar das Land verlassen haben.
Seit einigen Jahren liegt die Summe der Überweisungen von Auslandsnicas (remesas) über den Erlösen aus dem Kaffee-Export und seit zwo, drei Jahren auch über den Gesamtexporterlösen. Die Summe ist mit leicht steigender Tendenz relativ stabil geblieben, es handelt sich dabei um ca. 800 Mio. Euro jährlich. Etwa ein Fünftel der nicaraguanischen Staatsangehörigen, d.h. ca. eine Million Menschen, niemand weis es so genau, befinden sich im Ausland. Ein Teil geht nur temporär oder saisonal außer Landes, andere haben sich in der Ferne für immer eingerichtet (davon nehmen natürlich auch einige die Staatsangehörigkeit der Aufnahmeländer an, soweit dies ihnen ermöglicht wird). Der/die letzte Nica macht das Licht aus.
Costa Rica und die Vereinigten Staaten sind das Ziel der meisten MigrantInnen. Viele der Gebliebenen können nur Überleben, oder weiter Landwirtschaft bzw. ihr Kleingewerbe betreiben, weil sie mit remesas subventioniert werden. So paradox es klingt: Der nicaraguanische Landarbeiter in Costa Rica oder die Haushaltshilfe in den Vereinigten Staaten sorgen so möglicherweise nicht nur für billige Bananen, die in die ganze Welt geliefert werden oder frisch gemachte Betten, sondern, vermittelt über die remesas, möglicherweise zusätzlich für günstigen Kaffee in deutschen und anderen Tassen. Viele der Bauern hätten die Produktion ohne diese Unterstützung schon längst aufgeben und sich auch auf die Wanderschaft machen müssen.
Es klingt aus den Mündern der wirtschaftstheoretischen Modellklempner natürlich etwas anders, aber letztendlich scheint es so einfach zu sein. Der nicaraguanische Kaffee ist, trotz der i.d.R. hohen Qualität, auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig (wie im übrigen fast die komplette nicaraguanische Wirtschaft). Einer Überproduktion an Kaffee steht auf dem Markt nur eine geringere Nachfrage gegenüber, da ist es doch nur natürlich wenn einige Anbieter vom Markt gehen. Die ganze Produktion müsste sowieso modernisiert werden. Ja, uns ist es auch aufgefallen, als wir letztes Jahr die Kooperativen besucht haben: Die Produktion ist in der Regel etwas altmodisch . Eines aber können versichern: Die Leute, die wir trafen, pflückten nicht den ganzen Tag aus Spaß Kaffee oder drehten die Kurbel der Despulpadora (der Maschine mit der das Fruchtfleisch der Kaffeekirsche von den Samen getrennt wird) für `nen Appel und `n Ei. Nein, nein, sie waren und sind Banalerweise auf die paar Cordoba angewiesen.
Vielleicht ist es ja doch nicht ganz so einfach, mit der Marktbereinigung?
Die Ökonomie ist insgesamt am Boden, es existieren nur wenige Möglichkeiten einer geregelten Tätigkeit nachzugehen (z.T. in Maquiladoras). Deshalb machen sich viele Menschen als Taxifahrer, Wächter oder StraßenhändlerIn usw. Selbstständig i.d.R. ist es aber das, als was man es auch bezeichnen sollte: Der Versuch sich das Einkommen im informellen Sektor zu sichern. Das ist keine nicaraguanische Spezialität, sondern Realität in vielen Ländern. Die vielen Schilder mit der Aufschrift se vende , sind nicht nur in Nicaragua ein plastischer Ausdruck dieser Situation. Wer noch etwas zu verkaufen hat, versucht es zu Geld zu machen.
Unser Handel ist, das ist uns bewusst, nur ein Tröpfchen auf dem heißen Stein. Bonsai-Trade, wie es in einer noch recht wohlwollenden wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift genannt wurde. Trotz aller, zum Teil nicht einfach wegzuwischender Kritik (moderner Ablasshandel, Gefahr der Schaffung privilegierter Inseln, hohe Preise, verursacht durch hohe Kosten da nur geringe Mengen umgesetzt werden) stehen wir dazu, diskutieren unsere Möglichkeiten und entwickeln uns weiter.
Was der alternative und faire Handel im Hinblick auf die Verbesserung der Lebenssituation der beteiligten Familien und ihrer Dorfgemeinschaften ermöglichen können, ist auf unseren Projektseiten im World Wide Web, aber z.B. auch in einem Interview nachzulesen, das Annette Jensen, die letztes Jahr mit uns in Nicaragua war, mit Fatima Izmael von Sopexcca geführt hat .
Inzwischen haben aber auch die Großen feststellen müssen, dass zu den derzeit gängigen Preisen auf Dauer keine ausreichenden Menge Rohkaffee der benötigten Qualitäten zu bekommen ist. Auch für 1,99 Euro pro 500 g, ist nicht jeder Mist abzusetzen. Außerdem lechzt ein Teil der Konsumenten nach Kaffee, der auch schmeckt. Irgendetwas wird sich also bewegen. Wohin? Diese Frage wird im folgenden Artikel behandelt.
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