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el rojito Blog

In diesem Blog schreiben einzelne elr@s zu Themen aus der Welt des solidarischen Handels.

Blog #14 Managua 2018

Blog #14

 

Unser letzter vollständiger Tag in Managua. Und Muttertag in Nicaragua, ein Tag, der den Menschen sehr viel bedeutet. Dieses Jahr steht dieser Tag für die Protestbewegung ganz im Andenken an die in den letzten Wochen von der Polizei und paramilitärischen Gruppen ermordeten überwiegend jungen Männern. Das es überwiegend Männer sind ist kein Zufall. An den Barrikaden sind hauptsächlich diese aktiv. Frauen werden eher Aufgaben in der Versorgung im Hintergrund zugewiesen. Die Rollenzuteilung der Geschlechter ist hier recht klar geregelt aber so viel anders ist das ja bei uns oft auch nicht.

 

Eine große Anzahl an Menschen zieht die über verschiedene Routen in der Stadt Richtung der UCA, einer der besetzten Universitäten Managuas. Der Hauptzug kommt entlang der Carretera de Masaya über die Rotondo Metrocentro, wo wir uns in den letzen beiden Wochen auch immer mal wieder aufgehalten haben.

 

Parallel dazu veranstaltet das Regierungslager einen Aufmarsch vor der Rotonda Chavez, bei der auch Daniel Ortega und Rosario Murillo anwesend sind. Die Rotonda Chavez ist weiträumig abgesperrt, der Aufmarsch findet von dort Richtung See statt. Viele Teilnehmer*innen kommen die Avenida Bolivar hinunter, schwenken schwarz-rote FSLN-Fahnen, singen und schreien Sprechchöre. Einer davon: es lebe die nationale Polizei! Am Straßenrand steht ein Lautsprecherwagen, an dem eine junge Frau die hinzuströmenden anfeuert. Die Seitenstraße sind voll mit Bussen, in denen die Teilnehmer*innen zu der Veranstaltung gebracht worden sind. Es sind viele, aber es sind bei weitem nicht so viele wie die, die gegen die Regierung auf die Straße gehen.

 

Der Zugang zu der Veranstaltung läuft nur über einzelne kontrollierte Zugänge. Wir gehen kurz hinein und schauen uns die Versammlung einmal von innen an. Später wird Ortega hier sprechen, ohne auf die eigene Verantwortung an der aktuellen Situation einzugehen. Er wird von Opfern von Kriegen sprechen, von dem Mitglied der Juventud Sandinista, das am Morgen im Norden bei einer Auseinandersetzung an einem tranque ums Leben gekommen ist, aber er wird nicht ausdrücklich auf die der Polizeigewalt zum Opfer gefallenen Nicaraguaner*innen eingehen, derer bei dem Protestmarsch wenige Kilometer entfernt gedacht wird.

 

Danach gehen wir zurück in unser Hotel, unweit des Wohnhauses von Daniel Ortega. Dei Zufahrtsstraßen sind seit heute noch stärker gesichert als sie es in den letzten Wochen schon waren.

 

Wir hatten vormittags noch überlegt, bei dem Marsch der Protestierenden vorbei zu schauen. Wir waren sicher, dass es in der aktuellen Situation bei einer solchen Veranstaltung nicht zu einem erneuten Ausbruch der Polizeigewalt kommen würde. Doch es kam anders. Am frühen Nachmittag kamen erste Nachrichten von angriffen auf die Demonstration. Mehrere Tausend Menschen flüchteten in die UCA wie auch in die Kathedrale. Unter ihnen auch viele Kinder. Es gab wieder Tote, einige mit Schüssen in den Kopf. Einige der Angriffe erfolgten wahrscheinlich von Gruppen, die von der Veranstaltung der Regierung an der Rotonda Chavez kamen. Aber auch die Antimotines, die Sondereinheiten der Polizei zur Aufstandsbekämpfung, waren an den Angriffen beteiligt. An der UNI, einer anderen Hochschule in Managua, kam es ebenfalls zu Übergriffen.

 

Die Auseinandersetzungen halten an, immer wieder hört man die selbstgebauten Mörser, aus denen Böller abgeschossen werden. Diese machen eigentlich hauptsächlich Krach. Dass es bei Ihrer Verwendung zu Verletzungen kommt ist eher selten. Die Polizei setzt neben Tränengas und Gummigeschossen auch scharfe Munition ein.

 

Morgen vormittag werden wir zum Flughafen aufbrechen und das Land verlassen. Wie es hier einen friedlichen Ausgang aus der Krise geben soll ist völlig offen. Die heutigen Übergriffe auf eine friedliche Großveranstaltung zum Gedenken an die der Polizeigewalt zum Opfer gefallenen Jugendlichen haben einen friedlichen Ausweg sicher wieder in weitere Ferne gerückt. Es wird sich zeigen, ob die Rechnung aufgeht, durch Gewalt eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen, in der die Leute lieber zu Hause bleiben oder ob sich gerade dadurch noch mehr die Wut breit macht und der Widerstand zunimmt.

 

 

Magnus für die rojit@s


31 Mai, 2018 - 07:05 - m.kersting