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el rojito Blog

In diesem Blog schreiben einzelne elr@s zu Themen aus der Welt des solidarischen Handels.

Blog #16 Managua 2018

Blog #16

 

Ich sitze im Zug von Amsterdam nach Hamburg. Mein Flug wurde gecancelt. So wurde ich auf die ökologischere Variante mit dem Zug umgebucht und habe noch reichlich Zeit, mir über unsere Reise Gedanken zu machen. Mein Gepäck wird später geliefert werden. Da waren sie schon vor Jahren am Flughafen in Mexiko weiter, wo ich nach einer Änderung meines Flugs innerhalb von weniger als einer viertel Stunde mein Gepäck ausgehändigt bekommen habe.

 

Die Straße zum Flughafen Managua war recht wenig befahren, obwohl in der Stadt einige Strecken gesperrt sind. Die Campesin*as sind gegen Mittag unter Begleitung von Vertreter*innen der nicaraguanischen Menschenrechtsorganisation und der Kirche in ihre Herkunftsorte aufgebrochen. Sie sind kurz hinter uns aus der Stadt gefahren. Ortega hat die Protestierenden für die Gewalt und die Toten verantwortlich gemacht und behauptet, es seinen Sympathisanten der FSLN angegriffen worden und diese hätten sich verteidigen müssen. Dies ist angesichts des Auftretens der Polizei und der paramilitärischen Schlägertrupps und dem Einsatz von Scharfschützen, die gezielt Menschen erschossen haben eine sehr gewagte These. Heute hat außerdem der Leiter der Wahlkommission, Roberto Rivas Reyes, sein Rücktrittsgesuch eingereicht, offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Er galt als bedingungsloser Gefolgsmann Ortegas und war von US-amerikanischen Sanktionen betroffen. Seit Februar war er von seinen Aufgaben entbunden, genoß aber noch seine Privilegien wie Immunität und Gehalt. Aus dem Flugzeug kann man sehen, dass die Panamericana Richtung Norden kaum befahren ist.

 

Bis jetzt ist die Situation noch nicht völlig eskaliert. Ein Zurück gibt es aber sicher nicht mehr. Entweder die Regierung schafft es, sich noch eine Zeit lang mit immer weiter erhöhter Repression zu halten oder es gibt einen Wechsel. In diesem Fall wird dann alles anders, aber nicht unbedingt alles besser. Das gegenwärtige Vorgehen der Staatsmacht gegen die Demonstrierenden ist auf jeden Fall völlig inakzeptabel.

 

Bevor ich aufgebrochen bin, war es ein komisches Gefühl, vom ruhigen Deutschland aus in ein Land aufzubrechen, das sich im Ausnahmezustand befindet. Wir waren dort in der Zeit kurz vor Beginn des nationalen Dialogs bis zu den Ereignissen des 30.05., dem diesjährigen Muttertag in Nicaragua. In dieser Zeit hat sich die Stimmung so oft verändert zwischen Hoffnung auf eine friedliche Lösung und dem Eindruck, dass diese kaum gefunden werden kann. Ich werde sicher nie die Fernsehbilder vergessen, wie Ortega und Rosario Murillo in der ersten Sitzung des nationalen Dialogs saßen, in der der junge Student Lesther Alemán das Wort ergriff und zu seiner eigenen Überraschung nicht gestoppt wurde. Mit der Realität vor Ort verändert sich auch die Einstellung zu der Wahrnehmung der Gefahr und es wächst die Wut über das Vorgehen der Polizei und der paramilitärischen Schlägertrupps. Ich maße mir nicht an, die Lage zu durchschauen und genau zu wissen, wo richtig und wo falsch ist. Auf der Seite der Regierung läuft vieles falsch, wenn man sich anschaut, wie eine Familie die Geschicke des Landes bestimmt. Ich halte es auch für keine gute Lösung, wenn die Ehefrau des Präsidenten Vizepräsidentin ist, ganz gleich, wie verdient sie sich für das Volk machen würde. Umgekehrt wäre es auch nicht anders. Und auf der Seite der Protestierenden gibt es sowieso kein einheitliches Ziel außer dem, dass Ortega und sein Clan die Macht abgeben sollen. Bei einigen der Personen, die sich zu Wort melden ist es sicher besser, wenn sie in einem neuen Nicaragua nichts zu sagen haben.

 

Warum die Demonstration am 30.05. angegriffen wurde ist auch schwer zu deuten. Wenn die Polizei versuchen würde, eine Uni zu räumen könnte sie sich immer noch darauf berufen, dass eine Besetzung rechtswidrig ist. Eine große Demonstration anzugreifen und gezielt Menschen zu erschiessen aber führt national wie international eher zur Isolation. Und wenn es darum geht, die Menschen davon abzuhalten, auf die Straße zu gehen, so wird dies vielleicht bei einigen gelingen, aber noch viel mehr werden gerade dann auf die Straße gehen, da sie mit dem Vorgehen der Regierung nicht einverstanden sind.

 

Magnus für die rojit@s


2 Juni, 2018 - 00:41 - m.kersting