el rojito Blog

In diesem Blog schreiben einzelne elr@s zu Themen aus der Welt des solidarischen Handels.

Kooperativenbesuch Blogeintrag #5

Die Reise ist vorbei, und nun ist es Zeit, noch einmal über ein Thema zu reflektieren, dass uns auf der Reise besonders beschäftigt hat: Die Bestimmung eines gerechten Preises. Im Fairen Handel ist vielfach die Rede von der Zahlung von Fairen Preisen für die Produzent*innen. Allerdings gibt es dazu auch immer wieder Kritik zu hören, beispielsweise in Medienberichten. Was ist nun ein Fairer Preis und wie kann er bestimmt werden?

Der konventionelle Kaffeehandel orientiert sich bei den Preisen, die an die Produzent*innen gezahlt werden, an der New Yorker Börse, die je nach Weltlage stark schwankt. Die Produzent*innen können davon in guten Jahren ganz ordentlich leben, in schlechten Jahren zahlen sie je nach Produktionskosten sogar drauf. Wie ein Preis sich in der nahen Zukunft entwickeln wird, bleibt dabei schwer abseh- und planbar. So weit, so ungerecht.
Der Faire Handel versucht, dem System eine Preisstabilität entgegenzusetzen. Es gibt daher einen Mindestpreis, der zwar dem Börsenpreis entspricht, allerdings nie unter ein bestimmtes Niveau sinken kann. In der Mitka haben wir 2015 diesen Mindestpreis gemeinsam mit Vertreter*innen unser Handelspartner auf 160 US$ pro Quintal (1 qq = 69 kg) Rohkaffee festgesetzt. Zusätzlich werden an die Kooperativen für den Bioanbau und für die Umsetzung von Projekten zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Produzent*innen sogenannte Prämien gezahlt. Das spezifische Preissystem der Mitka sieht darüber hinaus noch eine Prämie für die Infrastruktur der Kooperativen vor, beispielsweise zur Verbesserung der Gebäude oder zur Anschaffung von Mobiliar. Insgesamt kommen die Produzent*innen so auf einen Preis, der höher ist als der Straßenpreis, was sich vor Allem in Jahren bemerkbar macht, in denen der Börsenpreis am Boden ist. Doch auch dieser Preis ist durchaus kritisierbar, denn er spiegelt weder die Lebenshaltungskosten der Produzent*innen noch die Produktionskosten wider. Eine politische Krise wie die in Nicaragua 2018 kann theoretisch dazu führen, dass auch unser Preismodell nicht ausreicht, um plötzlich gestiegene Kosten für Lebens- und Düngemittel oder für den Lohn der angestellten Arbeitskräfte zu bezahlen. Es kann also die Frage gestellt werden, ob es nicht noch ein viel gerechteres Preismodell geben könnte.
Als Antwort darauf ist seit einigen Jahren im Fairen Handel die Debatte um Living Wages lauter geworden. Ziel ist dabei die Erlangung eines Einkommens, das den Produzent*innen einen einfachen, aber menschenwürdigen Lebensstil unter Abdeckung aller Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnen, medizinische Versorgung, Bildung, Transport und Risikoabsicherung ermöglicht.

Die World Fair Trade Organisation, deren Mitglied die Mitka ist, stellt seit einiger Zeit Berechnungsinstrumente und Anleitungen zur Verfügung, um Preise auf Basis einer Living Wage zu verhandeln. Diese haben wir den Handelspartnern bereits 2018 zum ersten Mal vorgestellt und sind damit auf Interesse gestoßen. Im Rahmen eines Tagesworkshops mit Vertretern von vier nicaraguanischen Kooperativen haben wir nun die erste Anwendung erprobt. Der Preisbildungsprozess der WFTO sieht vor, auf Basis lokaler Preise für die wichtigsten Produkte und Dienstleistungen sowie auf der Aufstellung aller für die Produktion benötigten Kosten einen Preis zu berechnen. Dieser wird in einem zweiten Schritt mit regionalen Mindestlöhnen, real gezahlten Löhnen und der Entlohnung von alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten in Relation gesetzt. Gemeinsam soll dann zwischen Kooperative und Käufer*innen ein Preis für den Kaffee verhandelt werden.


Das Ergebnis unseres Workshops ist, dass die Nutzung der WFTO-Berechnungsinstrumente für die Kooperativen durchaus hilfreich ist. Denn sie schaffen eine größere Transparenz bezüglich der Lebenshaltungskosten und Produktionsaufwendungen. Doch der Teufel steckt wie immer im Detail: So kam beispielsweise die Frage auf, ob und wie die Nutzung von Allgemeingütern wie Wasser einberechnet werden sollte, oder ob Unterschiede in der Arbeitsproduktivität einzelner Produzent*innen nicht zu völlig verschiedenen Ergebnissen führen würden. Offen bleibt auch, wie wir mit dem Ergebnnis umgingen, wenn der berechnete Preis das Doppelte des aktuellen Preises betrüge. Denn dann wäre fraglich, ob es genug Menschen hier in Deutschland gäbe, die den Kaffee zu diesen Preisen kaufen könnten oder wollten.

Die Preisberechnung auf der Basis von Living Wages bleibt also ein interessantes Experiment, was wir gemeinsam mit unseren Handelspartnern weiter erproben werden. Welches Preismodell am Ende dieses Weges stehen wird, ist dabei aber noch völlig offen.


6 März, 2020 - 13:11 - christiane