In eigener Sache

Liebe Freund*innen, liebe Kooperations- und Handelspartner*innen,

wie viele von Euch wissen, hat es bei el rojito im letzten Jahr einen Umbruch gegeben, der uns dazu veranlasst hat, bestehende Strukturen in Frage zu stellen. Wie möchten Euch hier einen Zwischenstand zu unserem Prozess vermitteln, und Euch damit die Gelegenheit geben, Euch selbst eine Bild der Lage zu machen.

Vor genau einem Jahr wurde unser Verein und Handelsbetrieb sehr plötzlich komplett auf den Kopf gestellt. Details dazu können und möchten wir in einem offenen Brief dieser Art nicht bekannt geben. Denn einerseits denken wir, dass die Persönlichkeitsrechte von Menschen geschützt werden müssen, die sehr viel Engagement und Hingabe in den Laden gesteckt haben, und andererseits setzen wir unsere nach außen getragene Selbstkritik eher an unserer Gesamtstruktur an als am Verhalten Einzelner. Dies soll keinesfalls bedeuten, dass wir individuelles Fehlverhalten leugnen und unter den Teppich kehren oder dass eine Aufarbeitung ausbleibt. Es bedeutet aber, dass wir eine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen nicht in der Öffentlichkeit führen.
Wir haben, um den strukturbedingten Problemen bei el rojito zu begegnen, in den letzten 12 Monaten viele Veränderungen angestoßen und durchlaufen. Der Kern unserer Schwierigkeiten, die nun endgültig sichtbar wurden, war eine Struktur, die der Realität unseres Handelsbetriebs nicht mehr gewachsen war. Damit meinen wir, dass die Prozesse und Arbeitsweisen, die interne Kommunikation, die betriebswirtschaftliche Ausrichtung, die Verteilung von Wissen und Verantwortlichkeiten, der Umgang mit Konflikten und Personalfragen eher zu unserem vormaligen Selbstverständnis einer informell organisierten Politgruppe passten als zu dem, was wir wirklich waren: Ein Handels- und Cafébetrieb, der mittlerweile beträchtliche Mengen Kaffee vertreibt und damit auch eine hohe Verantwortung trägt. Denn alles, was unseren Laden destabilisiert, wirkt sich negativ auf die Handelspartner*innen, unsere Importgemeinschaft, die über 20 hauptamtlichen Mitarbeitenden und die Darlehensgeber*innen aus.

Um uns also nachhaltig zu stabilisieren und dieser Verantwortung wieder gerechter zu werden, haben wir folgende Schritte eingeleitet oder bereits umgesetzt:

  • Trennung von Vereinsvorstand und Geschäftsführung mit klar definierten Verantwortungsbereichen
  • Schaffung größerer Transparenz und Einrichtung von Kontrollmechanismen hinsichtlich der Finanzlage
  • Verstärkte Ausrichtung an betriebswirtschaftlichen Kennzahlen mit dem Ziel, Rücklagen zu bilden und krisenfester zu werden
  • Größtenteils Neubesetzung der Geschäftsführung
  • Selbstorganisation der Mitarbeitenden in einem neu gegründeten Betriebsrat
  • Erarbeitung einer zukunftsfähigen und demokratischen Struktur, in der das Handelsgeschäft nicht privatisiert und von Partikularinteressen vereinnahmt werden kann, und in der eine Partizipation von Mitarbeitenden, politisch Interessierten und anderen Partner*innen ermöglicht wird.

Wir bedauern sehr, dass dieser Umstrukturierungsprozess nicht frühzeitig von uns gesteuert und damit ohne die schmerzhaften Vorfälle und Konflikte vonstatten gegangen ist, die er mit sich gebracht hat und teilweise noch mit sich bringt. Trotzdem sind wir fest davon überzeugt, dass wir die Krise als Chance begreifen und uns für die Zukunft so aufstellen können, dass el rojito ein stabiler Partner für die Produzent*innen, ein unterstützenswerter Kaffeelieferant für alle Kund*innen und spannender Akteur des solidarischen Handels bleibt. Denn unsere politischen Ziele bleiben bestehen und bilden weiterhin den Motor für unser Handeln. Und darunter verstehen wir, dass wir solidarische Handelsstrukturen aufbauen und pflegen wollen, die insbesondere den Produzent*innen, aber auch uns zugute kommen und ein positives Beispiel für einen gerechteren und ökologischeren Welthandel darstellen.

Wir hoffen, Euch in der Kürze etwas Klarheit über unseren Prozess zu verschaffen, der uns sicher noch eine Weile beschäftigen wird. Unsere langjährige Verbundenheit mit Euch ist uns wichtig, und wir sind offen für Eure Rückfragen und konstruktiven Rückmeldungen. Wendet Euch dazu gerne an uns.

die rojit@s, August 2020