Interview mit Victor Enrique Cordero Ardila (Red EcolSierra)

Victor Cordero ist 45 Jahre alt, arbeitet seit 2003 für das Netzwerk und ist Verwaltungsexperte im Agrarbereich. Seine Eltern stammen aus der Region von Santa Marta, sind Bauern und er selbst betreibt eine Kaffeefinca mit 15 Hektar gemeinsam mit seiner Ehefrau und zwei Kindern.

Das Red EcolSierra gehört zu den erfolgreichen und einfallsreichsten Genossenschaften Kolumbiens. Was sind die wichtigsten Märkte für den Kaffee aus Ihrer Produktion?

Unsere Kunden in Deutschland und Holland sind extrem wichtig, weil sie uns einen attraktiven Preis zahlen. Das gilt für El Rojito, für El Puente und für Fair Trade Original in Holland. Zudem könnte wir in den letzten Monaten neue Kunden in Amsterdam und auch in Wien gewinnen. Das sind kleine Erfolge in einem sehr schwierigen Markt.

Wie ist die letzte Ernte ausgefallen – wie viele Tonnen Kaffee bietet das Red EcolSierra an?

Unsere Produktion beläuft sich auf rund 1200 Tonnen Kaffee und ist recht stabil. Die Ernte erfolgt zwischen Oktober und März und in den letzten Jahren sind wir aber auch dazu übergegangen die Anbauregionen stärker in den Blick zu nehmen und die Wünsche unserer Kunden stärker zu berücksichtigen. Derzeit ist unsere gesamte Produktion biologisch, wir haben keine Farm im Zertifizierungsprozess. Der gesamte Kaffee ist bio und etwa 90 Prozent fair trade zertifiziert. Wir verkaufen unseren Kaffee fast ausschließlich an kleine Röstereien, teilweise über dritte, aber nicht an große Kaffeehandelshäuser, die auf Marge setzen. Wir suchen den direkten Kontakt und eine langfristige Zusammenarbeit mit den Kunden und entwickeln auch gemeinsam bestimmte Kaffeeprofile.

Die Zahl der Mitglieder der Genossenschaft ist etwas gesunken – wie kommt das?

Wir haben uns entschieden von unseren Mitgliedern auch ein Bekenntnis zum Red EcolSierra einzufordern. Genossen, die in einem Jahr ihren Kaffee an uns verkaufen und im nächsten Jahr an ein anderes Unternehmen, orientieren sich nahezu ausschließlich am Preis. Wir verfolgen jedoch ein gemeinsames Entwicklungskonzept und möchten, dass alle an einem Strang ziehen.

Und das wird jetzt auch stärker eingefordert?

Ja, seit drei, vier Jahren und ich denke, dass wir heute mit den 352 Kaffeebauern eine stärkere Identifikation mit der Genossenschaft haben. Heute haben wir Filter und eine Warteliste, die dafür sorgen, dass wir ausschließlich motivierte Mitglieder haben. Alle neuen Mitglieder durchlaufen eine halbjährige Probezeit, in der sie nicht alle Dienstleistungen unserer Genossenschaft nutzen können. Das ist erst danach der Fall.

Eine Maßnahme, die eine Filterfunktion hat – wie kam es dazu?

Vor vier Jahren hatten wir ein sehr erfolgreiches Jahr mit vielen neuen Mitgliedern und das hat dazu geführt, dass die Ausgaben für die Zertifizierung und auch die Arbeit im Kontext der Zertifizierung immens anstieg. Da haben wir die Handbremse gezogen, denn viele Neumitglieder haben zahlreiche Dienstleistungen eingefordert, die für unser nicht sonderlich großes Team nicht so einfach zu erbringen sind. Obendrein waren die Fincas in einigen Fällen auch nicht gut vorbereitet als die Zertifizierung anstand, so dass wir uns entschieden einige Korrekturen vorzunehmen. Das hat uns gut getan und wie gesagt es gibt eine lange Warteliste von Kaffeebauern, die beitreten wollen.

Drohte die Genossenschaft damals Verlust zu machen?

Ja, durchaus, weil wir eine Ausgabenflut hatten und nun haben alle begriffen, dass wir gemeinsam wachsen, aber eben keine Verluste werden machen wollen. Wir müssen uns an unseren Einnahmen orientieren müssen – in allen Geschäftszweigen also beim Kaffee, dem Honig und auch im Tourismus.

Vielen Kaffee-Genossenschaften droht die Überalterung der Produzenten. Wie sieht es beim Red Ecolsierra aus?

Wir haben ein Durchschnittsalter von 45-50 Jahren und wir fördern die jungen Kaffeebauern in der Genossenschaft. Es gibt ein Jugendkomitee mit 23 Mitgliedern, Frauen wie Männer. Wir versuchen attraktiver zu werden, der neuen Generation mehr Optionen  einzuräumen, in den Versammlungen, in den Strukturen und auch auf den Feldern – auch wenn nicht alle Jungproduzent*innen Zugriff auf das Land ihrer Eltern haben. Das ist ein Übergangsprozess. Wir legen Wert auf die Stimmen der jungen Generation: wie sehen sie die Zukunft unserer Genossenschaft?

Das Red Ecolsierra hat in den letzten drei Jahren einen neuen Geschäftszweig aufgebaut – den Tourismus. In welcher Region und wie viele Fincas nehmen daran teil?

Unser Tourismusprojekt konzentriert sich auf die Kaffeefarmen, die relativ nahe an Santa Marta liegen – vor allem in der Region Minca. Derzeit sind es 32 Kaffeefarmen, die an dem Programm teilnehmen. Dafür haben wir mit Macanaturismo.com eine eigene Homepage entwickelt, wo wir das Angebot vorstellen und auch spezifische Wander-Routen anbieten. Das Konzept basiert auf einem Gemeindeansatz, die Besucher, nationale wie internationale, sollen etwas von der Region, von den Menschen und vom Kaffeeanbau mitnehmen. Wir möchten, dass uns Menschen besuchen, die Interesse an nachhaltigen Anbauprozessen haben, schielen weniger auf traditionelle Touristen, auch nicht auf Backpacker, mehr auf kritische, gegenüber der Umwelt und Nachhaltigkeit aufgeschlossene Menschen.
Die Touristen besuchen die Finca eines unserer Mitglieder, die ihnen etwas von ihrer persönlichen Geschichte in der Region erzählen, wie sie sich entwickelt hat und wie ihr Alltag aussieht. Daran können die Besucher auch teilhaben,  mitmachen – je nach den Bedürfnissen.

Anders als in der Eje Cafetero, der traditionellen Anbauregion Kolumbien?

Ja, die ist zu einer Touristenattraktion geworden, wo die Kaffeefarmen zu touristischen Einrichtungen aus- und umgebaut wurden und wo heute kaum mehr Kaffee angebaut wird. Bei uns steht der Kaffee im Vordergrund und wir wollen einen Tourismus, der Einblicke in Kaffeekultur gewährt und nachhaltig strukturiert ist. Die Touristen sollen sich Zeit nehmen, sind in aller Regel allein auf der Finca mit der Familie und wir gehen  von zwei Besuchen im Monat von ein bis drei Tagen pro Finca aus. Das ist in etwa die Zielperspektive von unserer Seite. Das schafft ein weiteres ökonomisches Standbein für die Familien und darum geht es uns.

Welche Rolle spielt der Kaffeeverkauf auf regionaler Ebene? Mit „Café Tima“ hat das Red Ecolsierra eine eigene Marke.

Wir verkaufen unseren Röstkaffee an Restaurants, Hotels und Cafés und auch an ein paar Endkunden, aber kaum an Supermärkte. Der Kaffee wird hier geröstet, unten im Labor steht die Röst- und auch eine Mahlmaschine, und hier wird er auch verpackt. Die Bohnen kommen frisch beim Kunden an und dadurch entstehen bei uns zusätzliche Arbeitsplätze.
Das Modell den Kaffee fertig geröstet und eventuell auch gemahlen zu unseren Kunden nach Europa zu liefern, bieten wir auch an. Mit „El Puente“ haben wir dabei die ersten positiven Erfahrungen gemacht. Seit Februar exportieren wir frisch gerösteten und z. T. auch gemahlenen Kaffee nach Deutschland – das ist ein Pilotprojekt. Ob weitere Kunden diesem Beispiel folgen werden, wird die Zukunft zeigen. Ich bin da optimistisch, denn wir können nicht nur guten Kaffee anbauen – wir können ihn auch verarbeiten.

Interview: Knut Henkel (02/2020)