Seminar 2018 mit den Handelspartner*innen

In diesem Jahr haben wir zum zweiten Mal mit der MITKA, unserem Importverbund, ein Seminar mit unseren Handelspartner*innen  abgehalten. Wie beim ersten Mal fand es wieder in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas statt, da die meisten Kooperativen, mit denen wir zusammen arbeiten, aus Nicaragua kommen und für die Gäste aus den anderen Ländern, die mit dem Bus oder dem Flugzeug anreisen, Managua am günstigsten gelegen ist. Während wir letztes Mal direkt in der Stadt waren haben wir uns diesmal in einem Tagungszentrum am Rande der Stadt getroffen, das sich wesentlich besser für unseren Zweck geeignet hat. 

Ein Seminar zu solidarischem Handel im Ausnahmezustand?

Aufgrund der aktuellen schwierigen politischen Lage in Nicaragua, bei der  in den letzten Wochen über 80 Menschen überwiegend durch Polizei und paramilitärische Einheiten getötet wurden waren wir uns lange unsicher, ob wir das Seminar abhalten sollen. Am letzten Wochenende, das wir uns als Zeitpunkt der Entscheidung für oder gegen die Durchführung gesetzt hatten, gab es dann die Vereinbarung eines „Waffenstillstands“ zwischen der Regierung und den oppositionellen  Kräften, woraufhin sich die Stimmung sofort geändert hat. In dieser Situation haben wir entschieden, das Seminar durchzuführen. Nur einen Tag später ist dann der Dialog zwischen Regierung und Opposition geplatzt und Dienstags war der Anreisetag der Teilnehmer*innen. Wir waren sicher, dass nur wenige kommen würden, aber letztendlich haben nur zwei Kooperativen aus Nicaragua nicht teilgenommen, von denen sich eine dann kurzzeitig über Skype beteiligt hat. Allerdings war die Anreise wesentlich länger aufgrund der vielen Straßensperren im Land und an einer dieser Sperren ging auch kurzzeitig ein älteres Kooperativenmitglied verloren. Er wurde zum Glück von Mitgliedern einer anderen Kooperative aufgesammelt und kam sicher im Tagungszentrum an.
So konnten wir uns am Mittwoch und Donnerstagvormittag unserem Programm widmen.
 
Es gab zwei große Themenblöcke, die wir bearbeitet haben; ein Positionspapier zu unserer gemeinsamen Haltung zu dem Thema Kinderarbeit und die Auseinandersetzung mit dem durch die WFTO (World Fair Trade Organisation) für Kunsthandwerk eingeführten Preismodell des Living Wage (siehe älteren Eintrag in diesem Blog) und dessen Bedeutung für unser Preismodell. Daneben hatten wir zwei Gastvorträge zu dem Themengebiet Kapitalisierung und Organisationsoptimierung. Von uns als el rojito haben wir unser Café Vela – Projekt vorgestellt, das zu viel Erheiterung geführt hat. Das Interessante hieran war, auf blinde Flecken in der Lieferkette des solidarischen Handels hinzuweisen und zu zeigen, dass es möglich ist, bestimmte Punkte auch modellhaft anzupacken. Dies schloss an unser Thema „Faire Säcke“ für den Rohkaffee an, dass wir  bereits bei unserem ersten Treffen angesprochen haben und bei unserem nächsten Treffen wieder aufnehmen wollen.

Position zu Kinderarbeit im Fairen Handel

Bei der gemeinsamen Position zur Kinderarbeit haben wir weitergearbeitet an der Vorlage, die wir bei unserem ersten Treffen erstellt haben. Nach einer Vorstellung im Plenum wurden die 6 enthaltenen Punkte in Arbeitsgruppen besprochen. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden von einer Redaktionsgruppe zusammengetragen und dann am Donnerstagmorgen wieder im Plenum vorgestellt. Bis jetzt liegt dieses Papier nur auf Spanisch vor. Wir werden gemeinsam eine deutsche Version erstellen, die dann auf unserer Internet-Seite zu finden sein wird.
Bei diesem Positionspapier geht es um mehr als das Thema  Kinderarbeit. Es geht vielmehr um die Wahrung der Rechte der Kinder. Weiterbildung und  Bewusstseinsarbeit mit den Mitgliedern der Kooperativen zu den Themen Kinderschutz und Kinderrechte sind ein wichtiger Punkt. Eingeflossen sind viele der Erfahrungen vor allem der älteren Kooperativenmitglieder.

Was ist ein solidarischer Preis?

Bei dem Preisthema stellte sich schnell raus, dass eigentlich alle mit unserem Modell recht zufrieden sind und zumindest im Moment keine Notwendigkeit gesehen wird,, daran etwas zu ändern. Das Modell des Living Wage, bei dem es notwendig ist, sowohl die Lebenshaltungskosten wie auch die Produktionskosten einer jeweiligen Region sehr genau unter die Lupe zu nehmen wurde als zu kompliziert angesehen. Vieles blieb unklar und auch die sehr unterschiedlichen Preise für die einzelnen Regionen wurden als Problem gesehen. Wir haben beschlossen, unser Modell zunächst beizubehalten und parallel dazu an dem Modell des Living Wage  mit ausgewählten Kooperativen, die sich selber dazu gemeldet haben, weiter zu arbeiten. Die Erfassung der Daten und  den Abgleich des aktuellen Modells mit dem Modell des Living Wage fanden alle interessant, auch wenn sich vor allem kleinere und weniger gut organisierte Kooperativen nicht vorstellen konnten, wie dies aussehen soll. Wir wollen an diesem Thema auf jeden Fall in den nächsten Drei Jahren weiterarbeiten, um eine bessere Grundlage für die Diskussion bei unserem nächsten Handelpartner-Treffen zu haben.

Aufgrund der aktuellen Situation diesmal keine Rundreise

Schade war, dass wir aufgrund der aktuellen Lage die geplante Rundreise zu nicaraguanischen Kooperativen nicht durchführen konnten.
Es wurde vor allem von den Nicaraguaner*innen sehr positiv bewertet, dass wir in dieser schweren Zeit in ihr Land gekommen sind und dieses Seminar realisiert haben. Wir waren froh, dies zu hören, da es unsere Sorge war, dass sie es als Fehler einschätzen würden, dass wir diese Entscheidung getroffen haben. 
Wir waren auch froh, dass es nicht zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen nicaraguanischen Teilnehmer*innen kam, da nicht alle dieselbe Haltung zur derzeitigen Situation haben und es in solchen Zeiten, in denen dies im Land in vielen Fällen zu gewalttätigen und oft auch tödlichen Auseinandersetzungen führt, schwer ist, solche Themen auszuklammern.
Wir waren allerdings diesmal besonders froh, als wir am Freitag Mittag die letzte Meldung bekommen haben, dass alle gut  nach Hause gekommen beziehungsweise aus Nicaragua ausgereist sind.