el rojito Blog

In diesem Blog schreiben einzelne elr@s zu Themen aus der Welt des solidarischen Handels.

Gewalt in El Salvador

mano duro
mano duro

Sicher ist einigen von Euch in unserem Café in Ottensen oder bei unseren Handelspartnern der La Cortadora (als Kaffee oder Espresso) aufgefallen. Drei Kooperativen aus El Salvador bauen die Bohnen für den Kaffee an. Welche politischen und gesellschaftlichen Umstände in dem Land herrschen, ist hierzulande aber kaum bekannt.

El Salvador galt 2015 als gefährlichstes Land der Welt mit 18 Tötungsdelikten pro Tag; umgerechnet bedeutet dies, dass ca. jeder 1.000 Einwohner des Landes innerhalb des Jahres ermordet wurde! Im Jahr 2016 war es lediglich in einem anderen Land gefährlicher zu leben als in El Salvador: Syrien. Kriminelle Jugendbanden, die sogenannten Maras oder Pandillas, gelten in der Öffentlichkeit als Hauptgrund für die exzessive Gewalt. So konkurrieren die Gruppen untereinander um Territorien, in denen sie den Drogenhandel kontrollieren sowie Diebstähle, Überfälle, Schutzgelderpressung und Auftragsmorde durchführen. Die Regierungen in El Salvador bemühten sich seit Ende des Bürgerkrieges 1992 die hohe Gewaltrate auf unterschiedliche Wege in den Griff zu bekommen. Zu erwähnen sind die Versuche einer Politik der harten Hand (mano dura) der rechten ARENA Regierungen Flores (1999 – 2004) und Saca (2004 – 2009). Die linksgerichtete FLMN versuchte nach ihrem Wahlsieg im Jahr 2009 den Dialog mit den Pandillas. So wurde mit den führenden Köpfen Hafterleichterungen und im Gegenzug ein Nachlassen der Gewalt auf den Straßen vereinbart. Während die Mordrate in der Folge sank, konnten sich die Gruppen im Zuge der nachlassenden Repression konsolidieren und ihre Macht in den Regionen festigen. Seit 2015 der neue Präsident Sánchez Cerén die Regierung übernommen hat, verfolgt er mit dem Plan Salvador Seguro (Sicheres Salvador) eine Politik zwischen Repression und Prävention. Die Folge ist der Eingangs erwähnte, erneute Anstieg der Gewalt. Die damit einhergehende, signifikante Mordrate wird zwar in der Öffentlichkeit den Jugendbanden zugeschrieben, doch schätzen Experten, dass lediglich 12% der Morde auf ihr Konto gehen. Der weitaus größte Teil ist dem rücksichtslosen Einschreiten der Polizei gegen die Jugendbanden zuzuschreiben. Gerade die Bevölkerung in den von Bandenkriminalität besonders betroffenen Gebieten ist Opfer der neuen Politik der mano dura geworden. Jegliche Polizeigewalt wird dabei durch die mano dura legitimiert und findet in der Bevölkerung breite Unterstützung. Die Ermordung von (angeblichen oder tatsächlichen) Bandenmitgliedern findet derweil im rechtsfreien Raum statt. Nur selten werden die Täter in Kreisen der Polizei belangt.

Welche „Wege aus der Gewalt“ führen können, haben uns Eduardo Amaya und José Santos Guevara Maradiaga (Mario) erläutert, die vom Ökumenischen Büro für Frieden und Gerechtigkeit im vergangenen Herbst nach Deutschland eingeladen wurden und auf ihrer Reise auch mit uns im Rahmen der Lateinamerikatage gesprochen haben.

Zunächst hoben sie aber hervor, dass vielen jungen Menschen in El Salvador kaum eine andere Möglichkeit bleibt, als sich den kriminellen Banden anzuschließen. So wachsen viele Jugendliche in Familien auf, die durch den langanhaltenden Krieg und die vorherrschende Gewalt zerrüttet sind. Nach der Schule führt der Weg vieler junger Menschen direkt zu den Maras oder Pandillas, um möglicher Repression zu entgehen und eine Verdienstmöglichkeit für die Familie zu schaffen. In El Salvador ist lediglich eine der neun Universitäten staatlich. Ein Ausbildungssystem, wie es in Deutschland üblich ist, gibt es nicht.
Initiativen wie die von Mario sind dagegen Leuchtturmprojekte: mit seiner Entwicklungsorganisation Acudesbal und internationaler Solidarität und Finanzierung schafft er es durch Sport, kulturelle Aktivitäten und Ausbildungsangebote den Jugendlichen eine Perspektive jenseits der Maras und Pandillas zu bieten. Durch Befriedung einiger Regionen und das Entwickeln alternativer Strukturen kann es gelingen einen Mentalitätswandel in der Bevölkerung herbeizuführen. Er betonte zudem, dass staatliche Repression allein nicht hilft und die Prävention im Vordergrund stehen müsste.

Im Allgemeinen schafft der Staat aber nicht die wirtschaftlichen Strukturen, die großen Teilen der Bevölkerung wirklich helfen würden. Dies liegt auch daran, dass der Großteil der Ländereien seit jeher von wenigen Großgrundbesitzern gehalten wird, auf deren Plantagen insb. Kaffee, Zuckerrrohr und Baumwolle angebaut wird, und die kein Interesse an Bildung, Ausbildung und Partizipation der Landarbeiter haben. Die Verquickung wirtschaftlicher und politischer Macht führt so zu eingefahrenen Strukturen, die einer nachhaltigen Entwicklung entgegen stehen. In diesem Kontext schaden die wenigen wohlhabenden Familien durch Steuerhinterziehung dem Land noch weiter und suggerieren der Politik zudem, dass industrielle Entwicklung nur in Zonen mit steuerbefreiten Betrieben entstehen kann. Rund 80.000 Menschen finden dort Beschäftigung. Somit fehlen aber nötige staatliche Mittel zur nachhaltigen Bekämpfung der Kriminalität, Förderung wirtschaftlicher Entwicklung und Eröffnung von Chancen für einen Großteil der Bevölkerung.

Letztlich fehlt aber insbesondere der politische Wille, national wie international, um die Situation der El Salvadorianer_innen nachhaltig zu verändern. Durch den solidarischen Handel mit den Partner-Kooperativen vor Ort leisten die Kaffeekampagne, die MITKA und el rojito einen kleinen Beitrag, um den Menschen Einkommen und Perspektive zu geben.


17 März, 2017 - 16:17 - peter.beekmann